von Meery Kühne
Samstag, 29.11.25, 16 Uhr
Ich komme am Stadtbad Märkisches Viertel an und bekomme eine Tabelle mit meinem Namen ausgehändigt. Das ist alles! Die Tabelle geht bis 25.000 m, sollte ich mehr schaffen, werde ein zweites Blatt ausgedruckt, so die Info dazu.
Ich gehe in die Schwimmhalle, breite meine Isomatte aus und sortiere mein Essen. Ich packe mir zwei Getränke und ein Energiegel an die Seite. Diese werde ich mit ans Schwimmbecken nehmen. Um 5 Minuten vor 17 Uhr begebe ich mich zum Becken. Am Becken stehen exakt 5 Schwimmer. Mir kommt das sehr wenig vor, aber es kommen auch erst einmal nicht mehr. Um 17 Uhr ertönt ein Pfiff, keiner weiß genau woher er kommt und keiner ist sich sicher, ob dass das Startsignal war. Nach einigem Zögern startet jedoch einer und wir anderen springen ihm hinterher ins Becken.
Wir sind zu dritt auf der Bahn der Langstrecke und Schnellschwimmer. Eine junge Frau, ein älterer Mann und ich. Ich zähle keine Bahnen, ich schwimme einfach. Nach einer Weile schaue ich auf meine Uhr. Diese zeigt an, dass bereits 3800 m hinter mir liegen. Ich beschließe, nach 4 km eine Pause zu machen. Ich trinke kurz etwas und schwimme wieder los. Die junge Frau ist schneller unterwegs als ich. Immer nach ungefähr 500 m überholt sie mich.
Nach vier Stunden
gehe ich aus dem Becken raus, melde mich beim Bahnenzähler ab und esse etwas. Ich habe bis jetzt 12.650 m geschafft. Ich bin zufrieden. Damit meine Pause nicht zu lang wird, springe ich um 21:30 Uhr wieder ins Becken. So langsam hat sich die Halle gefühlt und immer mehr Schwimmer sind hier, auch Kinder. Ich finde meinen Rhythmus wieder und schwimme weiter. Auf einmal geht das Licht aus, es ist unglaublich dunkel. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon am Beckenrand bin um mit einer Rolle zu wenden. Ich kann gar nichts sehen. Schließlich wende ich und das Licht geht wieder an. Kurze Zeit später passiert es erneut.
Wir werden mehr Schwimmer auf der Bahn. Junge Sportler kommen und schwimmen ihren Trainingsplan ab, danach gehen sie wieder. Ich beobachte die Menschen am Beckenrand, damit ich abgelenkt werde vom Schwimmen. Denn aktives Mitzählen macht mich ganz kirre. Zwei Leute schlafen an der Seite, andere beobachten die Schwimmer im Becken. Das Schwimmen fällt mir noch leicht, es macht Spaß und ich bin zufrieden mit dem bisher geschafften. Als ich rausgehe, hat sich das Becken deutlich geleert. Nur noch zwei Bahnen werden aktiv beschwommen und es sind insgesamt 6 Schwimmer. Um 00:30 Uhr habe ich meine 4 Stunden wieder um und ich verlasse das Becken. Ich esse ein paar Nudeln und trinke etwas.
Wieder im Becken kommen auf einmal 4 neue Schwimmer. Die 4 Schwimmer werden auf die beiden Bahnen verteilt. Schnell stellt sich heraus, dass sie nicht schwimmen können und eher als Hindernisse dienen. Ich bin nicht mehr ganz konzentriert beim Schwimmen und das erschwert das Überholen der beiden Brustschwimmer enorm. Auch für die junge Frau und den ältere Mann stellt sich das als Problem dar. Die beiden Brustschwimmer schwimmen in der Mitte der Bahn und wenn sie an der Wand angekommen sind, stellen sie sich in den Weg. Es nervt mich und so macht das Schwimmen um diese Uhrzeit auch keinen Spaß mehr.
So langsam merke ich, dass mir schlecht von den Rollwenden wird. Somit beschließe ich die Rollwende weg zu lassen und stattdessen mit der Kippwende weiter zu machen. Auch mein Hals tut weh. Atmen ist ziemlich unangenehm geworden. Ich entscheide mich für eine Pause, trinke etwas und esse einen Riegel. Doch auch das tut mir weh im Mund sowie im Hals. Ich packe den halben Riegel wieder ein und schwimme weiter. Meine Gedanken kreisen sich um alles und nichts. Ich schaue mir abwechselnd die Wandseite und die Fensterseite an. Nichts passiert, die Rettungsschwimmer sitzen zusammen am Beckenrand und unterhalten sich. Ein einzelner Mann schläft an der Seite. Ansonsten ist es leer und die Musik ist aus.

4:30 Uhr und 31 Km
Ich klettere aus dem Becken, gehe zur Bahnenzählerin. Sie schaut mich an, lächelt und fragt mich, wie alt ich bin. Ich antworte ihr, dass ich 18 bin. Sie spricht mir ihren größten Respekt aus. Die Bahnenzählerin daneben nickt zustimmend. Ich bedanke mich und gehe weiter zu den Duschen. Mir ist so so so kalt. Bei jedem Schritt muss ich mich konzentrieren, damit ich gerade zu den Duschen laufe und dort auch ankomme. Im Duschraum betätige ich dem Knopf der Dusche und stelle mich darunter. Doch das Wasser ist nur lauwarm. Ich drehe mich um, doch die Temperatur kann ich nicht verstellen. Also dusche ich nochmal und nochmal und nochmal. Nach 10 min gebe ich auf.
Mir ist immer noch kalt, aber schon etwas wärmer als davor. Zurück an meinem Platz setze ich mich hin. Ich kann nichts essen. Es tut zu weh. Schlucken ist qualvoll. Mir fällt es schwer, die Augen offen zu halten. Doch ich weiß, dass ich es muss. Denn 4:30 Uhr ist eine gefährliche Zeit für mich. Wenn ich jetzt einschlafe, werde ich sicher nicht in einer halben Stunde wieder aufstehen. Ich werde weiterschlafen. Also trinke ich einen großen Schluck und gehe wieder zum Becken.
Die ersten Kilometer schwimmen sich ganz einfach. Doch ab 7 Uhr wird es voller und meine Konzentration lässt nach. Eins, zwei, drei atmen, eins, zwei, eins? Ich weiß es nicht mehr. Meine Augen fallen immer wieder zu und mit geschlossenen Augen ist Schwimmen keine gute Idee. Ich werde immer langsamer und das frustriert mich, doch ich kann es nicht ändern. Mein Ziel war es, bis 9 Uhr weiter zu schwimmen. Damit ich eine Pause machen kann, wenn Mutti und SchwimmStefan zu ihrer 100x100m Challenge kommen. Doch mein Kopf kann einfach nicht mehr.

Ich gehe um 8 Uhr aus dem Becken.
Gehe noch einmal duschen und setze mich hin. Ich öffne die Packung Gummibärchen und schlage zu. Aber ich merke, dass ich unbedingt schlafen muss. Also stelle ich den Timer meiner Uhr auf 30 min. Dann lege ich meine Kuscheldecke über mich und schlafe. Trotz der lauten Musik, die wieder abgespielt wird. Es ist so schön leicht einzuschlafen. Danach fühle ich mich besser und springe wieder ins Becken. Alles fühlt sich besser an. Also schwimme ich Meter um Meter. Um 9:30 Uhr kommt SchwimmStefan ans Becken. Er motiviert mich weiter zu machen. Ich kann das.
Ich beobachte also nun die Staffeln auf den Nachbarbahnen während ich schwimme. Auf Bahn 1 und 2 finden 50 m Staffeln statt. Es ist interessant. Sie jubeln und feuern ihre Schwimmer an. Doch um 11:30 Uhr muss ich nochmal aus dem Becken. Ich mache eine kurze 10min Pause. Essen kann ich nicht. Also trinke ich nur und gehe wieder ins Becken. Ich schwimme und schwimme. Meine Lunge tut unglaublich weh. Jeder Atemzug schmerzt, so dass ich schließlich nur noch durch die Nase ein- und ausatme. Denn das schmerzt kaum. Inzwischen kommen neue Sportler auf die Bahn. Schnellere, die eben erst gekommen sind und nicht bereits etliche Stunden geschwommen sind. Die überholen mich, schwimmen weiter und sind ganz schnell wieder bei mir. Ich komme mit so langsam vor wie eine Schnecke.
Ich komme aus dem Becken und möchte zur Umkleide. Ich kann mich nicht dran erinnern, wie ich dort hingekommen bin. An meinem Platz zurück, kommt Mutti und fragt, wie weit ich bin. Ich habe 47 Km und ich bin mental gar nicht in der Lage, weiter zu machen. Nach einer halben Stunde kommt mein Bahnenzähler, er sagt, dass er mich schon sucht. Dann fragt er, ob alles okay ist. Ich nicke. Er meint, dass er doch mal die Sanitäter holen möchte. Nach kurzer Zeit kommt er mit zwei Sanitätern zurück. Diese erzählen mir, dass die Kälte ein Zeichen meines Körpers ist aufzuhören. Sie erzählen mir, dass ich nicht weiter machen muss. Dass ich durchaus schon sehr viel geschafft habe.
Ich höre ihnen zu und weiß ganz genau, dass ich die letzten 3 Km schwimmen werde. Mir ist herzlich egal, was sie mir erzählen. Mutti weiß das auch und lächelt mich an. Mein Ziel habe ich noch nicht geschafft und solange höre ich nicht auf. Als sie gegangen sind, lege ich meine Decke weg, stehe auf und begebe mich zum Becken.
Ich springe rein und schwimme so schnell ich kann. Mir ist so unglaublich kalt, dass ich versuche, durchs Schnellschwimmen warm zu werden. Beim Schwimmen sehe ich, dass die Sanitäter auch mit der Führenden sprechen, anscheinend ist ihr auch kalt. Nach kurzer Zeit springt sie jedoch ebenfalls rein. Langsam und auch nur ein wenig wird mir wärmer. Der Bahnenzähler ruft mir nach einiger Zeit zu, dass es nur noch 1000 m sind. Ich schwimme also weiter, immern och im gleichen Tempo.

Irgendwann sind es nur noch 4 Bahnen
und es sollen meine letzten sein. Danach klettere ich ganz langsam aus dem Becken und gehe zum Bahnenzähler. Er fragt mich, ob ich noch weiter schwimmen will. Ich überlege ganz kurz, wirklich nur kurz. Es ist 15 Uhr und ich habe noch 2 Stunden Zeit. Doch ich schüttele den Kopf, mein Körper hat mir genug Signale gesendet um zu verstehen, dass ich nun aufhören sollte. 50 Km war mein Ziel. Das habe ich geschafft!
Mir ist so kalt, dass ich am Ende im dicken Pulli, mit zwei T-Shirts drunter, einer langen Hose, Mütze und Schal am Beckenrand sitze und mir immer noch verdammt kalt ist. Meine Arme kann ich noch normal bewegen. Ich habe keinen Muskelkater, aber mein Körper hat mir diesmal auf eine andere Weise gesagt, dass ich nicht mehr kann.
